Wider den Begriff "Web 2.0"
Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht, aber ich habe große Schwierigkeiten mit dem Begriff "Web 2.0". Zum einen gibt es zurzeit eine zu nerven beginnende Inflation an "2.0"-en beginnend mit den Begriffen "Education 2.0" oder "eLearning 2.0". Zum anderen ist "2.0" nicht wirklich aussagekräftig und so versteht jeder und jede gerade das unter Web 2.0, was er oder sie eben gerade verstehen will. Damit ist dieser Begriff in einem vernünftigen Diskurs aber alles andere als hilfreich.
Man sollte eigentlich Bezeichnungen wählen, die so wenig Interpretationsspielraum wie möglich erlauben. Ein Ansatz, der mir diesbezüglich gut gefällt stammt aus dem medienwissenschaftlichen Umfeld des MIT. Dort spricht man im Zusammenhang mit Web 2.0 von partizipativen Technologien. Der Begriff der "Partizipation" soll dabei zum Ausdruck bringen, dass der Konsument oder die Konsumentin nicht mehr passiv Medien konsumiert sondern selbst aktiv an einem kollaborativen Medienproduktionsprozess beteiligt ist. Der "Consumer" wird so zum "Prosumer" im Sinne des produzierenden Konsumenten.
Der Begriff der Partizipation bringt uns darüber hinaus auch viel schneller an die Kernproblematik der Entwicklung. Denn aus der Partizipation folgt unmittelbar eine Demokratisierung der Medienproduktion und in weiterer Folge eine Demokratisierung des eLearning. Einer unserer PhD Kandidaten verwendete in diesem Zusammenhang den Begriff des „education-provider independent eLearning“. Dies trifft den Nagel meiner Meinung nach auf den Kopf. Denn ebenso wie in den letzten Jahrzehnten bildungstechnologische Fortschritte den Lehrer bzw. die Lehrerin zunehmend in die Rolle eines Moderators bzw. einer Moderatorin gedrängt haben, werden partizipative Medientechnologien in den nächsten Jahren die Rolle der Bildungsanbieter verändern.
Im schulischen Kontext ist partizipatives Web daher in erster Linie nicht eine Herausforderung an den Unterricht, sondern viel mehr eine Herausforderung an die Institution Schule selbst.
Eine der interessantesten Phänomene der Partizipationskultur ist beispielsweise die autonome Ausbildung von ExpertInnenkompetenzen innerhalb einzelnen Partizipationsgruppen. Medienwissenschaftler beobachten seit einigen Jahren eine zunehmende Anzahl von Fällen in denen vor allem Jugendliche im Kollektiv Kompetenzen demonstrieren, die denen der entsprechenden Fachexperten überlegen sind. Nach dem französischen Philosophen Pierre Levy spricht man in diesem Zusammenhang von "kollektiver Intelligenz". In gewisser Weise basiert die gesamte Open Source Bewegung auf diesem Prinzip. Die allgemeine Bedeutung dieses Phänomens ist noch unklar und wird zurzeit heftig diskutiert (wie zum Beispiel vor kurzem an der "Media in Transition" Konferenz).
Eine Frage, die dabei allerdings zunehmend gestellt wird ist, in wie weit unser Bildungssystem diesen Entwicklungen gerecht wird. Denn wenn wir im Kollektiv schlauer sind, warum ist dann individuelles ExpertInnentum immer noch zentrales Bildungsziel? Wir beobachten, dass gerade innerhalb der Partizipationskultur besonders erfolgreiche Jugendliche oftmals schulische Underachiever sind. In den USA gilt dies inzwischen als einer der treibenden Faktoren zum sogenannten "Home Schooling".
Aus dem Begriff des "partizipativen Web" ergeben sich somit einige sehr zentrale Fragenstellungen mit derzeit noch wenig zufriedenstellenden Antworten. Die einzige Frage, die sich für mich dagegen aus dem Begriff "Web 2.0" ergibt ist, ob die nächste Version wohl "Web 2.1" oder "Web 3.0" heißen wird.
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